Psychologie
TEIL 5

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Die Psychoanalyse: Der Freudsche Versprecher
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Der Freudsche Versprecher

In der Psychoanalyse steht der Begriff "Fehlleistung" für Handlungen, die durch ihren scheinbar irrtümlichen Charakter Rückschlüsse auf unbewusste Motivationen zulassen. Dazu können zum Beispiel das Vergessen von Namen oder Kindheitserinnerungen, unbewusst herbeigeführte Unfälle oder das Verlieren, beziehungsweise Verlegen von Gegenständen gehören. Natürlich deutet nicht jeder Unfall auf einen latenten Todestrieb, und nicht jeder verlorene Schlüsselbund steht für das immanente Gefühl des Ausgeschlossenseins!

Eine Art Fehlleistung

Verlegter Schlüssel
Fehlleistung: Verlegter
Schlüsselbund

Der "Freudsche Versprecher", den es übrigens auch als "Verschreiber" gibt, ist eine besondere Form so einer Fehlleistung. Die Funktionsweise beruht darauf, dass wir meistens nicht ausschließlich auf einen einzigen Gedanken konzentriert sind. Ein ablenkender Gedanke, der sich in einem anderen Zusammenhang als sprachliche Äußerung manifestiert, muss nicht automatisch eine tiefere Bedeutung haben. Wenn ich auf dem Gemüsemarkt bin um Zwiebeln zu kaufen und versehentlich nach Zwieback verlange, weil eine Bekannte mich bat ihr welchen mitzubringen ist das kein Freudscher Versprecher. Auch die "normalen Zungenbrecher" gehören nicht in diese Kategorie.

Der echte Freudsche Versprecher bringt einen verborgenen Sinn ans Licht, offenbart eine unbewusste Motivation. Der Psychoanalytiker, dessen Patient ein solcher Versprecher unterläuft, kann daraus wichtige Rückschlüsse auf psychodynamische Strukturen ziehen. Im Alltag sorgen diese Versprecher für Verwirrung, Erheiterung oder Unmut, je nachdem welche Bedeutung sie zu enthüllen scheinen.

Das Hohe Haus ist wegen Unverantwortlichkeit geschlossen

Freud erzählt in "Zur Psychopathologie des Alltagslebens" vom Präsidenten des Österreichischen Abgeordnetenhauses, der eine unangenehme Sitzung mit folgenden Worten eröffnete:

"Hohes Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von soundsoviel Herren und erkläre hiermit die Sitzung für geschlossen."

Hier offenbart sich nur zu deutlich der Wunsch des Präsidenten, die mit der Sitzung erwarteten Reibereien und Streitereien zu vermeiden. In einem anderen Beispiel führt Freud eine Verteidigungsrede des opportunistischen Reichskanzlers von Bülow für den Kaiser an, die dieser 1907 hielt:

"Was nun die Gegenwart, die neue Zeit Kaiser Wilhelms II. angeht, so kann ich nur wiederholen was ich vor einem Jahr gesagt habe, dass es unbillig und ungerecht wäre, von einem Ring verantwortlicher Ratgeber um unseren Kaiser zu sprechen."

Von Bülow wollte "unverantwortlich" sagen, war aber offensichtlich nicht wirklich davon überzeugt, so dass er mit diesem Versprecher für Heiterkeit und Spott in den Reihen der Zuhörer sorgte.

Schiller, Shakespeare und Konsorten

Sigmund Freud
Friedrich Schiller

In "Zur Psychopathologie des Alltagslebens" widmet Freud dem "Versprechen" ein ganzes Kapitel. Neben unzähligen Beispielen von Versprechern eigener und fremder Patienten zeigt er dabei auch enthüllende Beispiele aus der Literatur auf. So zitiert er Szenen aus Schillers "Wallenstein", Shakespeares "Kaufmann in Venedig" und George Meredith's "The Egoist", um darauf hinzuweisen dass die jeweiligen Autoren durchaus um die Zusammenhänge zwischen unbewussten Gedanken und Versprechern wussten, da sie diese als dramaturgisches Mittel eingesetzt haben.

So ist es bei Shakespeare die Porzia, deren Vater sie demjenigen zur Frau versprochen hat, den ihr das Los bescheidet, die befürchten muss, ihr geliebter Bassanio könne das falsche Los ziehen. Auch dann würde sie ihn noch lieben, durch das Gelübde ihrem Vater gegenüber aber in einem unlösbaren Konflikt stehen. So spricht sie zu Bassanio:

"Ich bitt' euch, wartet; ein, zwei Tage noch,
Bevor Ihr wagt: denn wählt ihr falsch, so büße
Ich euren Umgang ein; darum verzieht.
Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe)
Ich möcht Euch nicht verlieren; ---
--- Ich könnt' Euch leiten
Zur rechten Wahl, dann bräch ich meinen Eid;
Das will ich nicht; so könnt Ihr mich verfehlen.
Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen,
Ich hätt' ihn nur gebrochen. O, der Augen,
Die mich so übersehn und mich geteilt!
Halb bin ich Euer, die andre Hälfte Euer -
Mein, wollt ich sagen;
doch wenn mein, dann Euer,
Und so ganz Euer."

Morgen bei Aphilia: Schillernde Protagonisten